Starkey Omega AI+: Vier KI-Netze, aber versteht man besser?

von Maximilian Bauer, Doctor of Audiology, Hörakustikmeister (Kommentare: 0)

Maximilian Bauer mit einem schwebenden Starkey Omega AI+ über seinem Finger

Starkey Omega AI+: Was die vier KI-Netze bringen und was belegt ist

Stand:
Autor: Maximilian Bauer, Doctor of Audiology, Hörakustikmeister, Neuroauditiv in Weilheim

Starkey nennt das Omega AI+ einen großen Schritt nach vorn. Vier neuronale Netze sollen gleichzeitig arbeiten, ein neuer Kompressor soll Sprache klarer und Klang natürlicher machen.

Die Technik ist durchdacht. Aber beim wichtigsten neuen Baustein zeigt Starkeys eigene Studie: Die Teilnehmer fanden den Klang besser, verstanden aber nicht besser. Unabhängige Labormessungen gibt es noch nicht.

In eigener Sache: Ich habe das Omega AI+ selbst noch nicht angepasst. Starkey-Geräte habe ich früher angepasst, heute führe ich in meiner Praxis vor allem andere Marken. Dieser Artikel stützt sich auf Herstellerunterlagen, Interviews und unabhängige Labordaten, nicht auf eigene Erfahrung mit diesem Gerät.
Das Wichtigste in Kürze
  • Das Omega AI+ ist der Nachfolger des Omega AI. Starkey hat es im Oktober 2026 vorgestellt, auch auf dem EUHA-Kongress. Der Marktstart in Deutschland soll in Kürze folgen.
  • Neu sind vier spezialisierte neuronale Netze, darunter ein Kompressor, den ein Netz steuert.
  • In Starkeys eigener Studie mit 14 Personen klang der neue Kompressor besser, das Sprachverstehen änderte sich aber nicht signifikant.
  • Viele Neuerungen gibt es nur in der höchsten Technikstufe. Fragen Sie beim Angebot genau nach.

Was ist neu gegenüber dem Omega AI?

Starkey bringt in hohem Tempo neue Generationen. Das Omega AI+ ist die dritte in drei Jahren:

Generation Vorgestellt Kernneuerung
Edge AI Oktober 2024 Neuronales Netz direkt im Hauptchip
Omega AI Oktober 2025 DNN 360: Richtwirkung, die ein neuronales Netz steuert
Omega AI+ Oktober 2026 Vier Netze, darunter ein Kompressor, den ein Netz steuert

Dazu kommen eine überarbeitete Rückkopplungsunterdrückung, Auracast, eine Warnung in der App, wenn Sie die Hörgeräte liegen lassen, und eine neue Ladestation. Die Akkulaufzeit gibt Starkey weiterhin mit bis zu 51 Stunden an.

Die vier Netze verständlich erklärt

Ein neuronales Netz ist ein Rechenverfahren, das mit großen Mengen an Klangbeispielen trainiert wurde. Es erkennt Muster, etwa Sprache in Stimmengewirr, schneller und genauer als klassische Regeln. Beim Omega AI+ arbeiten vier solcher Netze mit unterschiedlichen Aufgaben:

  • Sprache vom Lärm trennen: das, was heute fast alle Hersteller mit neuronalen Netzen tun.
  • Richtwirkung: Das Netz steuert, aus welcher Richtung das Gerät Sprache bevorzugt.
  • Räumliche Wahrnehmung: Wichtige Geräusche aus der Umgebung sollen hörbar bleiben, obwohl Lärm unterdrückt wird.
  • DNN Dual Compressor: der eigentlich neue Baustein.

Was der Dual Compressor macht: Ein Hörgerät muss leise Töne hörbar machen und laute erträglich halten. Das nennt man Kompression. Eine langsame Kompression klingt ruhig und natürlich, eine schnelle macht kurze, leise Laute wie Konsonanten besser hörbar. Starkey lässt die langsame Kompression ständig laufen, um den Hörverlust auszugleichen. Die schnelle schaltet das Netz nur zu, wenn es Sprache erkennt, und in Sprechpausen wieder ab. So sollen typische Nebengeräusche verschwinden, etwa ein leichtes Pumpen bei Tastaturklicken.

Alle vier Netze laufen laut Starkey auf dem Hauptchip, nicht auf einem Zusatzchip wie beim Phonak EON. Die Verzögerung vom Mikrofon bis zum Ohr soll unter 5 Millisekunden liegen. Auch das Signia MaX arbeitet übrigens mit vier Netzen, verteilt die Aufgaben aber anders.

Vorschau der Hörakustiker-Besuchs-Checkliste als PDF zum Ausdrucken

Kostenloses PDF

Vier KI-Netze, aber die Anpassung entscheidet

Ob Sie vom Omega AI+ profitieren, hängt davon ab, wie das Gerät an Ihr Ohr angekoppelt und eingestellt wird. Die Checkliste führt Sie durch den Akustikertermin, von der Real-Ear-Messung bis zur Nachkontrolle. Zum Ausdrucken und Mitnehmen.

Zur Checkliste

Was belegt ist und was nicht

Aussage Was dahintersteht
„Bis zu 2,7-mal schneller“ Vergleich mit dem langsamsten von fünf Konkurrenzgeräten, die Starkey selbst ausgewählt und gemessen hat. Kein Vergleich mit dem Omega AI.
Dual Compressor: „100 Prozent“ hören keine Artefakte mehr Herstellerstudie im Labor mit 14 erfahrenen Hörgeräteträgern. Alle bevorzugten den Klang. Beim Sprachverstehen gab es keinen signifikanten Unterschied zur bisherigen Kompression.
11 dB mehr Reserve vor Rückkopplung Herstellervergleich mit dem Omega AI, genannt im Interview. Methode nicht veröffentlicht.
Klinisch validiert Die veröffentlichte Validierungsstudie betrifft das Omega AI, nicht das AI+: 60 Teilnehmer, rund sechs Wochen, ohne Kontrollgruppe.
Unabhängige Labormessung Für das Omega AI+ noch keine. Das Omega AI erreichte bei HearAdvisor nach Feinanpassung 2,9 von 5 Punkten für Sprache im Lärm, das Edge AI 2,6.

Kurz gesagt: Der neue Kompressor ist ein Gewinn für den Klang. Ob das Omega AI+ im Lärm besser verstehen lässt als sein Vorgänger, ist nicht belegt.

Welche Funktion in welchem Modell steckt

Das Omega AI+ gibt es in drei Technikstufen: 16, 20 und 24. Erhältlich sind aufladbare RIC-Geräte, RIC-Geräte mit Batterie sowie maßgefertigte Im-Ohr-Geräte bis hin zum CIC und IIC. Wichtig ist, was wo enthalten ist:

  • Dauerhaft aktiver Edge-Modus: nur in Stufe 24, und dort nur im ersten Hörprogramm.
  • DNN 360 im Ohr: nur bei aufladbaren ITC- und ITE-Geräten der Premiumstufe mit Richtmikrofon. Voraussetzung sind zwei Mikrofone, und die haben die kleinsten Geräte in der Regel nicht.
  • IIC, das kleinste Im-Ohr-Gerät: nur in Stufe 24.

Wenn Sie ein sehr kleines Gerät suchen, fragen Sie also genau, welche der neuen Funktionen in Ihrer Bauform tatsächlich enthalten sind.

Edge-Modus: Automatik oder Knopfdruck?

Der Edge-Modus ist Starkeys Zusatzverarbeitung für schwierige Situationen. In der App wählen Sie, ob er auf beste Sprache, besten Klang oder Komfort zielen soll. Neu ist, dass er in Stufe 24 dauerhaft aktiv sein kann.

Bemerkenswert ist, dass Starkey das nicht ab Werk einstellt. Laut der Chefaudiologin wollten in den eigenen Studien manche Träger den Modus ständig, andere nicht. Deshalb soll der Akustiker im Gespräch mit dem Träger entscheiden. Das zeigt, wie wichtig es ist, vor der Anpassung genau zu klären, was Sie im Alltag brauchen.

Gesundheitsfunktionen kurz eingeordnet

Starkey baut seine Hörgeräte seit Jahren zu Gesundheitsgeräten aus: Sturzerkennung mit Benachrichtigung, Messung der Atemfrequenz und ein Gleichgewichtstraining in der App. Neu ist ein Schlaftracking, das Wach-, Leicht- und Tiefschlaf schätzt und erkennt, auf welcher Seite Sie liegen. Es ist vorerst nur in den USA verfügbar und liefert Wellness-Werte, keine Diagnose.

Dafür müssen Sie die Geräte nachts tragen. Mit RIC-Geräten ist das für Seitenschläfer unbequem: Der Moderator des Podcasts, in dem Starkey das Gerät vorstellte, hat es ausprobiert und ist nach zwei Stunden mit schmerzendem Ohr aufgewacht.

Die Technik ist nur so gut wie ihre Anpassung

Die verbesserte Rückkopplungsunterdrückung gibt dem Akustiker mehr Spielraum: Mehr Verstärkung ist möglich, bevor das Gerät pfeift. Am Grundproblem einer offenen Versorgung ändert das aber nichts. Über ein Schirmchen gelangt Lärm direkt ans Trommelfell, und den kann kein Netz im Gerät bearbeiten. Eine Otoplastik verringert diesen Direktschall.

Gerade ein Kompressionssystem wie der Dual Compressor hängt davon ab, dass die Grundeinstellung stimmt. Ob sie in Ihrem Gehörgang ankommt, zeigt nur eine Real-Ear-Messung.

Ein Befund aus Starkeys eigener Validierungsstudie wird oft übersehen: Das Fernmikrofon StarLink Edge Remote verbesserte den Signal-Rausch-Abstand um gut 12,5 dB gegenüber den Hörgeräten allein. Das ist deutlich mehr, als ein Netz im Gerät leisten kann. Wer vor allem im lauten Restaurant ein Gegenüber verstehen will, sollte deshalb auch über Zubehör sprechen.

Aus meiner früheren Anpasspraxis: Bei älteren Starkey-Generationen habe ich die Verarbeitung als Schwachpunkt erlebt. Ladestationen und Hörer gingen teilweise ohne äußere Einwirkung kaputt. Ob das beim Omega AI+ noch zutrifft, kann ich nicht beurteilen. Starkey gibt an, die Robustheit seit dem Omega AI deutlich verbessert zu haben, und HearingTracker bewertet die Haltbarkeit des Omega AI positiv. Fragen Sie Ihren Akustiker trotzdem nach seinen Erfahrungen mit Reparaturen und danach, wie Garantie und Ersatzgeräte geregelt sind.

Was kostet das Omega AI+?

Deutsche Preise gibt es noch nicht. In den USA liegt die Premiumstufe bei Onlinehändlern ab rund 4.000 Dollar pro Paar. Ein solcher Preis sagt aber wenig, solange nicht klar ist, welche Leistungen enthalten sind. Vergleichen Sie Angebote immer einschließlich Nachsorge, Ankopplung und Messung. Welche Fragen Sie dazu stellen sollten, lesen Sie in der Kaufberatung.

Omega AI oder Omega AI+? Für wen sich was lohnt

  • Sie tragen ein gut angepasstes Omega AI: Ein Wechsel ist nicht nötig. Der größte Unterschied liegt im Klang, nicht im Verstehen.
  • Sie kaufen neu: Achten Sie auf die Technikstufe. Viele Neuerungen gibt es nur in Stufe 24.
  • Sie wollen vor allem im Lärm besser verstehen: Vergleichen Sie mit einem Gerät, dessen Nutzen im Lärm unabhängig gemessen ist, und sprechen Sie über ein Fernmikrofon.
  • Sie interessieren sich für Starkey: Achten Sie beim Probetragen auch auf Ladestation und Hörer, und fragen Sie nach Erfahrungen mit Reparaturen.

Wie Sie die Auswahl eingrenzen, ohne alles zu testen, lesen Sie im Artikel Hörgeräte im Vergleich. In meiner Praxis Neuroauditiv in Weilheim beginnt jede Versorgung mit dieser Bedarfsklärung.

Häufige Fragen

Was ist neu am Starkey Omega AI+?

Vier spezialisierte neuronale Netze, darunter neu ein Kompressor, den ein Netz steuert. Dazu eine überarbeitete Rückkopplungsunterdrückung, ein Edge-Modus, der dauerhaft aktiv sein kann, Auracast und neue Funktionen in der App.

Lohnt sich der Wechsel vom Omega AI auf das Omega AI+?

Für die meisten Träger nicht. In Starkeys eigener Studie verbesserte der neue Kompressor den Klang, nicht das Sprachverstehen. Interessant wird das Omega AI+ vor allem bei einer ohnehin anstehenden Neuversorgung.

Gibt es das Omega AI+ als Im-Ohr-Gerät?

Ja, bis hin zum CIC und IIC. Die neue Richtwirkung DNN 360 steckt aber nur in aufladbaren ITC- und ITE-Geräten der Premiumstufe mit Richtmikrofon. Das IIC gibt es nur in Stufe 24.

Kann man mit dem Omega AI+ schlafen?

Technisch ja, das Schlaftracking setzt es sogar voraus. Mit RIC-Geräten ist das für Seitenschläfer aber oft unbequem. Das Schlaftracking ist vorerst nur in den USA verfügbar.

Wann kommt das Omega AI+ nach Deutschland?

Starkey hat es im Oktober 2026 auf dem EUHA-Kongress vorgestellt. Der Marktstart in Deutschland soll in Kürze folgen. Preise und Verfügbarkeit erfahren Sie bei Ihrem Akustiker.

Quellen

  1. Bellavia, A. (2026). Inside Starkey Omega AI+ Hearing Aids: Quad DNN, Better Speech and New Health Features. This Week in Hearing, Hearing Health & Technology Matters, 14.10.2026. Interviews mit Brandon Sawalich, Achin Bhowmik und Sarah Burdack (Starkey). hearinghealthmatters.org
  2. HearingTracker (2026). Starkey Omega AI+: Funktionen, Technikstufen und Herstellerstudie zum DNN Dual Compressor. hearingtracker.com
  3. Halvorsen, S. C. & Rosen Iverson, S. (2026). Clinical Validation of the Omega AI Family. Starkey, Poster. starkeypro.com
  4. HearingTracker. Starkey Edge AI vs. Starkey Omega AI: HearAdvisor-Laborwerte. hearingtracker.com
  5. Hearing Health & Technology Matters (2026). Starkey Unveils Omega AI+ With G4 Gen AI Processor, Auracast and New Wellness Features, 01.10.2026. hearinghealthmatters.org (Herstellerangaben)
  6. Starkey. Research and Publications, Whitepaper zu Omega AI+. starkeypro.com
Über den Autor
Maximilian Bauer, Doctor of Audiology, Hörakustikmeister. Er arbeitet seit über 20 Jahren in der Hörakustik und hat einen Master in Clinical Audiology. Er ist der erste Doctor of Audiology in Deutschland und führt die Praxis Neuroauditiv in Weilheim in Oberbayern. Auf HörgeräteInsider ordnet er Hörgeräte und Studien unabhängig von Herstellern ein.

Über den Autor

Maximilian Bauer, Doctor of Audiology

Maximilian Bauer, Doctor of Audiology, Hörakustikmeister
Erster Doctor of Audiology (AuD, Drexel University) in Deutschland, MSc Clinical Audiology (Salus University), mehr als 20 Jahre Erfahrung in der Hörsystemversorgung. Er schreibt HörgeräteInsider unabhängig von Herstellern und betreibt die Praxis Neuroauditiv in Weilheim in Oberbayern.

Mehr über den Autor · www.neuroauditiv.de


Kommentare

Einen Kommentar schreiben

Bitte rechnen Sie 4 plus 5.

Zurück