Oticon Reveal: Das neue Hörgerät mit Dual AI im Detail

von von Maximilian Bauer, MSc. Clinical Audiology (Kommentare: 0)

Das Oticon Reveal und die BrainHearing Technologie dahinter

Autor: , Hörakustikmeister, MSc. Clinical Audiology

Auf den Punkt gebracht:
Mit Oticon Reveal kommt eine neue Hörgerätegeneration auf den Markt, bei der erstmals zwei spezialisierte KI-Systeme gleichzeitig arbeiten. Speech AI soll Sprache erkennen und hervorheben, Context AI relevante Umgebungsgeräusche erhalten und von diffusem Störlärm unterscheiden. Das Ziel: Sprache besser verstehen, ohne die akustische Umgebung unnötig auszublenden.

Künstliche Intelligenz gehört inzwischen fast schon zur Standardausstattung moderner Premium-Hörgeräte. Bei Oticon Reveal ist aber weniger das Schlagwort „Dual AI“ interessant als die Frage, warum der Hersteller überhaupt zwei getrennte KI-Systeme benötigt.

Dahinter steckt eine grundsätzliche Frage moderner Hörgerätetechnik: Wie stark darf ein Hörgerät störende Geräusche reduzieren, ohne gleichzeitig wichtige Teile unserer akustischen Umgebung verschwinden zu lassen?

Sprache verstehen ist nicht dasselbe wie gut hören

Wer schlecht hört, möchte zunächst einmal wieder Sprache verstehen. Das ist völlig nachvollziehbar und eines der wichtigsten Ziele einer Hörgeräteversorgung.

Unser Gehirn verarbeitet im Alltag aber sehr viel mehr als Sprache. Stellen Sie sich vor, Sie sitzen mit Freunden in einem Café. Vor Ihnen spricht jemand. Gleichzeitig hören Sie Geschirr, andere Stimmen, Schritte hinter sich und vielleicht die Kaffeemaschine an der Theke.

Ein klassischer Ansatz wäre: Die Person vor Ihnen ist wichtig, also verstärken wir möglichst deren Sprache und reduzieren den Rest.

Für das reine Sprachverstehen kann das durchaus funktionieren. Nur besteht eine natürliche Hörsituation eben nicht ausschließlich aus dem Gesprächspartner. Die Geräusche um uns herum verraten unserem Gehirn, wo wir uns befinden, was um uns herum passiert und wohin wir unsere Aufmerksamkeit als Nächstes richten sollten.

Ein Fahrrad, das sich von hinten nähert, ist keine Sprache. Trotzdem möchten wir es hören. Das Klappern von Geschirr trägt nichts zum Gespräch bei, gehört aber zu unserem Eindruck eines Restaurants. Und wenn am Nachbartisch plötzlich unser Name fällt, möchten wir unsere Aufmerksamkeit dorthin lenken können.

Das Gehirn entscheidet ständig neu, was gerade wichtig ist. Wie stark dabei Aufmerksamkeit, Kontext und zentrale Verarbeitung am Hören beteiligt sind, erkläre ich ausführlicher im Artikel Wie das Gehirn hört: Das zentrale Hörsystem erklärt.

Ein Hörgerät sollte dem Gehirn dafür möglichst die richtigen Informationen liefern.

Wie viel Lärmreduktion ist zu viel?

Genau dieser Frage widmet sich eine Untersuchung von Johnson und Healy aus dem Jahr 2024, auf die sich Oticon bei der Vorstellung von Reveal bezieht. Untersucht wurde, wie sich das Verhältnis zwischen Sprachverständlichkeit und der Erkennung von Umgebungsgeräuschen verändert, wenn das Verhältnis zwischen Sprache und Hintergrund zunehmend verändert wird.

Bei Normalhörenden ergibt sich ein interessanter Verlauf.

Diagramm mit Sprachverständlichkeit und Erkennung von Umgebungsklängen bei zunehmender Lärmreduktion für Normalhörende Abb. 1: Wird die Umgebung zunehmend reduziert, verbessert sich zunächst das Sprachverstehen. Bei sehr starker Reduktion nimmt jedoch die Erkennung von Umgebungsklängen ab. Quelle: Oticon, in Anlehnung an Johnson & Healy 2024.

Die pinkfarbene Kurve zeigt die Sprachverständlichkeit. Die hellblaue Kurve zeigt, wie gut Geräusche aus der Umgebung erkannt werden.

Bei ungünstigem Verhältnis zwischen Sprache und Hintergrund ist die Sprachverständlichkeit zunächst eingeschränkt. Wird der Hintergrund gegenüber der Sprache zunehmend reduziert, steigt sie deutlich an.

Bis hierhin entspricht das genau dem, was man erwarten würde.

Aber die zweite Kurve ist mindestens genauso interessant. Wird die Umgebung immer stärker reduziert, beginnt irgendwann die Erkennung der Umgebungsklänge abzunehmen. Die Sprache bleibt hervorragend verständlich, gleichzeitig gehen aber Informationen über die akustische Umgebung verloren.

Es gibt also einen Bereich, in dem Sprache sehr gut verstanden wird und gleichzeitig die Umgebung noch gut wahrgenommen werden kann.

Oticon bezeichnet diesen Bereich als „Balance Point“.

Wie verändert sich dieser Balancepunkt bei Hörverlust?

Die entsprechende Darstellung für Menschen mit Hörverlust zeigt denselben grundsätzlichen Zielkonflikt.

Diagramm mit Sprachverständlichkeit und Erkennung von Umgebungsklängen bei Menschen mit Hörverlust. Abb. 2: Auch bei Menschen mit Hörverlust zeigt sich ein Bereich, in dem Sprachverständlichkeit und Erkennung der Umgebung gleichzeitig auf hohem Niveau liegen. Quelle: Oticon, in Anlehnung an Johnson & Healy 2024.

Auch hier verbessert sich die Sprachverständlichkeit, wenn der störende Hintergrund gegenüber der Sprache reduziert wird. Gleichzeitig kommt irgendwann der Punkt, an dem relevante Umgebungsgeräusche zunehmend schlechter erkannt werden.

Der entscheidende Gedanke:
Mehr Störgeräuschunterdrückung ist nicht automatisch besser. Das eigentliche Ziel besteht darin, störende Anteile so weit zu reduzieren, dass Sprache verständlich wird, gleichzeitig aber genügend Informationen aus der Umgebung zu erhalten.

Das ist gerade bei Hörverlust wichtig. Denn Schwierigkeiten im Störgeräusch entstehen nicht nur dadurch, dass Sprache zu leise ist. Innenohr, Hörnerv und Gehirn müssen aus einem komplexen Signal wieder Sprache herausarbeiten. Warum Menschen deshalb trotz Hörgerät manchmal viel hören und trotzdem schlecht verstehen, habe ich im Artikel Warum viele trotz Hörgerät schlecht verstehen ausführlicher beschrieben.

Genau an diesem Zielkonflikt setzt Oticon Reveal an.

Was bedeutet Dual AI bei Oticon Reveal?

Oticon verfolgt schon seit einigen Jahren einen relativ offenen Ansatz bei der Signalverarbeitung. Seit Oticon Opn aus dem Jahr 2016 versucht der Hersteller, die Hörumgebung möglichst räumlich zugänglich zu halten, anstatt sich ausschließlich auf einen engen Bereich vor dem Hörgeräteträger zu konzentrieren.

2021 kamen erstmals Deep Neural Networks direkt in Oticon Hörgeräten zum Einsatz. Mit Oticon Intent folgte 2024 zusätzlich die 4D-Sensorik.

Reveal geht nun einen weiteren Schritt.

Statt einer KI bekommt das Hörgerät zwei spezialisierte Systeme. Oticon nennt die neue Verarbeitung Reveal AI Clarifier.

Schematische Darstellung von Speech AI und Context AI, die beim Oticon Reveal zum Balance Point zusammengeführt werdenloading. Abb. 3: Zwei spezialisierte KI-Systeme analysieren Sprache und Umgebung getrennt. Anschließend werden beide Informationen beim sogenannten Balance Point zusammengeführt. Quelle: Oticon.

Speech AI: Die KI für Sprache

Die erste künstliche Intelligenz heißt Speech AI. Ihre Aufgabe besteht darin, Sprache innerhalb der gesamten Hörumgebung zu erkennen und herauszuarbeiten.

Dabei geht es nicht nur um die Stimme unmittelbar vor dem Hörgeräteträger. Sprache soll innerhalb einer räumlichen Hörsituation erkannt und von anderen Signalanteilen unterschieden werden.

Context AI: Die KI für die Umgebung

Parallel arbeitet eine zweite künstliche Intelligenz: Context AI.

Sie beschäftigt sich mit der übrigen Klangwelt. Das System soll relevante Umgebungsklänge von diffusem Störlärm unterscheiden.

Das ist ein wichtiger Unterschied. Ein gleichmäßiges Rauschen im Hintergrund hat für unser Gehirn meist wenig Informationswert. Ein vorbeifahrendes Fahrzeug, Vogelgezwitscher oder das Klappern von Geschirr kann dagegen Teil der Situation sein und zur Orientierung oder zum Erleben der Umgebung beitragen.

Speech AI und Context AI analysieren also unterschiedliche Bestandteile derselben Hörsituation. Anschließend werden beide Informationen wieder zusammengeführt.

Genau daraus soll der zuvor beschriebene Balance Point entstehen: Sprache soll klar hervortreten, ohne dass die akustische Welt um den Hörgeräteträger unnötig verschwindet.

Nach Angaben von Oticon analysiert Reveal seine Klangumgebung alle zwei Millisekunden. Die Dual AI arbeitet permanent und passt die Verarbeitung fortlaufend an die jeweilige Hörsituation an.

Warum möchte Oticon möglichst viel von der Klangwelt erhalten?

Dahinter steckt die von Oticon seit Jahren verwendete BrainHearing-Philosophie.

Vereinfacht gesagt geht es darum, dem Gehirn möglichst viele nutzbare akustische Informationen zur Verfügung zu stellen und nicht bereits im Hörgerät alles auszusortieren, was der Algorithmus gerade für unwichtig hält.

Das ist ein interessanter Gedanke. Denn unsere Aufmerksamkeit ist nicht statisch.

Im Restaurant konzentrieren wir uns vielleicht gerade auf die Person gegenüber. Einen Augenblick später hören wir ein Geräusch von rechts und drehen den Kopf. Danach spricht jemand von links zu uns.

Unser Gehirn springt ständig zwischen verschiedenen akustischen Objekten hin und her. Wenn das Hörgerät einen großen Teil dieser Informationen bereits entfernt hat, kann das Gehirn seine Aufmerksamkeit natürlich auch nicht mehr darauf richten.

Reveal soll deshalb nicht einfach möglichst viel Umgebung unterdrücken, sondern Sprache und relevante Kontextinformationen gleichzeitig zugänglich halten.

Wie unterschiedlich Hersteller dieses Problem angehen, zeigt mein Vergleich Oticon BrainHearing oder Phonak AutoSense OS. Dahinter stehen tatsächlich unterschiedliche Philosophien darüber, wie viel Sortierarbeit das Hörgerät übernehmen sollte und wie viel Information dem Gehirn erhalten bleiben soll.

Kann man den Unterschied von Reveal im Gehirn messen?

Bei Produktvorstellungen werden gerne große Prozentzahlen gezeigt. Deshalb lohnt sich bei Reveal ein genauerer Blick darauf, was Oticon tatsächlich gemessen hat.

Eine der vorgestellten Untersuchungen verwendet sogenannte Cortical Auditory Evoked Potentials, kurz CAEP. Dabei werden elektrische Reaktionen des Gehirns auf akustische Reize gemessen.

Diagramm kortikaler auditorisch evozierter Potentiale bei Sprache in Ruhe und im Störgeräusch mit aktiviertem und deaktiviertem Reveal AI Clarifier. Abb. 4: Kortikale Reaktion auf Sprache in Ruhe sowie im Störgeräusch mit deaktiviertem und aktiviertem Reveal AI Clarifier. Quelle: Zapata-Rodríguez et al. 2026, Oticon Research Brief.

Die helle Kurve zeigt die gemessene Reaktion auf Sprache in Ruhe.

Dann wurde Störgeräusch hinzugefügt. Bei ausgeschaltetem Reveal AI Clarifier fällt die gemessene kortikale Reaktion auf das Sprachsignal wesentlich geringer aus.

Wird der Reveal AI Clarifier eingeschaltet, wird die Reaktion wieder deutlich stärker und nähert sich in der gezeigten Messung der Situation ohne Störgeräusch an.

Oticon spricht von einer bis zu siebenfach stärkeren Hirnantwort mit aktiviertem Reveal AI Clarifier.

Wichtig bei der Einordnung:
Eine siebenfach stärkere gemessene Hirnantwort bedeutet nicht, dass man mit Reveal siebenmal besser hört oder siebenmal besser versteht. Gemessen wurde eine elektrophysiologische Reaktion des auditorischen Systems unter definierten Versuchsbedingungen. Die Daten stammen zudem aus einem Oticon Research Brief und nicht aus einer unabhängigen peer-reviewten Publikation.

Trotzdem ist das Ergebnis interessant. Denn es deutet darauf hin, dass die Veränderung des Sprachsignals durch die neue Signalverarbeitung nicht nur technisch am Ausgang des Hörgerätes messbar ist, sondern sich auch in der kortikalen Reaktion auf Sprache widerspiegelt.

Was bringt Oticon Reveal beim Sprachverstehen?

Oticon hat zusätzlich das Verhältnis zwischen Sprache und Störgeräusch untersucht.

Nach Angaben des Herstellers erreicht die neue Signalverarbeitung bei aktiviertem Reveal AI Clarifier gegenüber deaktivierter Funktion eine Verbesserung des Signal-Rausch-Verhältnisses von bis zu 6,5 dB.

Das ist eine beachtliche Größenordnung. Ein technischer Messwert lässt sich allerdings nicht eins zu eins in einen bestimmten prozentualen Vorteil für jeden Hörgeräteträger übersetzen.

Wie viel davon im Alltag tatsächlich ankommt, hängt unter anderem vom individuellen Hörverlust, dem Sprachverstehen, der Hörsituation und natürlich von der Anpassung des Hörgerätes ab.

Oticon nennt außerdem 60 Prozent mehr übertragene Klänge zum Gehirn im Vergleich zum Vorgängersystem. Auch diese Angabe stammt aus den von Oticon vorgestellten Untersuchungen und sollte nicht als pauschale Verbesserung des Hörvermögens um 60 Prozent verstanden werden.

Der interessantere Punkt ist für mich ohnehin ein anderer: Reveal versucht gleichzeitig zwei Dinge zu verbessern, die bei Hörgeräten teilweise miteinander konkurrieren: Sprachverständlichkeit und Zugang zur akustischen Umgebung.

Was übernimmt Oticon Reveal vom Intent?

Nicht alles an Reveal ist neu.

Die mit Oticon Intent eingeführte 4D-Sensorik bleibt erhalten.

Dabei berücksichtigt das Hörgerät neben der akustischen Umgebung auch Gesprächsaktivität sowie Kopf- und Körperbewegungen des Hörgeräteträgers.

Das System versucht daraus abzuleiten, wie viel Unterstützung in einer bestimmten Situation sinnvoll sein könnte.

Das Hörgerät weiß natürlich nicht, was sein Träger denkt. Aber Bewegungen liefern zusätzliche Hinweise. Wer sich einem Gesprächspartner zuwendet, sich in einer Gruppe nach vorne orientiert oder sich durch eine Umgebung bewegt, verhält sich unterschiedlich.

Zusammen mit der Analyse der akustischen Umgebung entstehen daraus zusätzliche Informationen für die Signalverarbeitung. Bei Reveal wird diese Sensorik nun mit der neuen Dual AI kombiniert.

Was wurde bei Rückkopplung und Windgeräuschen verbessert?

Neben der großen Dual-AI-Geschichte hat Oticon einige weniger spektakuläre, im Alltag aber durchaus relevante Bereiche überarbeitet.

Das Rückkopplungsmanagement soll nach Herstellerangaben 30 Prozent schneller auf entstehende Pfeifgeräusche reagieren. Außerdem wurde das Windgeräuschmanagement weiterentwickelt.

Gerade solche Verbesserungen tauchen in Produktwerbung häufig nur am Rand auf. Für einen Hörgeräteträger können sie im Alltag aber mindestens ebenso wichtig sein wie eine neue KI-Bezeichnung.

Welche Verbindungsmöglichkeiten bietet Oticon Reveal?

Ein weiterer Entwicklungsschritt betrifft die drahtlose Verbindung.

Abb. 5: Oticon Reveal unterstützt aktuelle Streaming-Standards wie Made for iPhone, Bluetooth LE Audio, Android, Auracast und Fast Pair. Quelle: Oticon.

Reveal unterstützt laut Oticon Made for iPhone und iPad, Bluetooth LE Audio, Android, Fast Pair und Auracast.

Gerade Auracast dürfte in den kommenden Jahren interessant werden. Die Technik ermöglicht es, Audiosignale an einem öffentlichen Ort direkt an kompatible Hörgeräte zu übertragen. Perspektivisch können beispielsweise Veranstaltungssäle, Flughäfen, Bahnhöfe, Kirchen oder öffentliche Bildschirme ein solches Audiosignal anbieten.

Der Hörgeräteträger kann sich dann mit dem entsprechenden Stream verbinden. Wie schnell Auracast im Alltag tatsächlich flächendeckend verfügbar sein wird, hängt allerdings nicht vom Hörgerät ab. Dafür müssen auch Veranstaltungsorte und öffentliche Einrichtungen entsprechende Sender installieren.

Neu ist außerdem Streaming Comfort in der Oticon Companion App. Während beispielsweise Musik, ein Podcast oder ein Telefongespräch auf die Hörgeräte übertragen wird, können die Umgebungsgeräusche um bis zu 10 dB reduziert werden.

Das ist vor allem dann praktisch, wenn man beim Streaming nicht gleichzeitig die komplette Umgebung in voller Lautstärke mithören möchte.

Welche Bauform gibt es von Oticon Reveal?

Zum Marktstart wird Oticon Reveal als MiniRITE R angeboten.

Das ist die bekannte wiederaufladbare RIC-Bauform mit einem kleinen Hörgerät hinter dem Ohr und einem ausgelagerten Lautsprecher im Gehörgang.

Das Gehäuse entspricht weitgehend dem von Oticon Intent. Auch die bekannten Lautsprecher und Ladeoptionen können weiterverwendet werden.

Reveal erscheint in vier Technikstufen und neun Farben. Das Gehäuse ist nach IP68 gegen Staub und Feuchtigkeit geschützt. Neu ist unter anderem die Farbe Pflaume.

Außerdem führt Oticon einen neuen CROS-Sender im Design von Intent und Reveal ein. Das ist für Menschen mit einseitiger Taubheit beziehungsweise nicht versorgbarem Hörvermögen auf einer Seite interessant. Auch während der CROS-Übertragung soll weiterhin Audio gestreamt werden können.

Ist Oticon Reveal besser als Oticon Intent?

Das ist vermutlich eine der ersten Fragen, die bestehende Intent-Träger stellen werden.

Oticon selbst fasst den wesentlichen Unterschied relativ knapp zusammen: Reveal ergänzt die bekannte Plattformidee um die neue Dual-AI-Technologie.

Viele Grundlagen bleiben erhalten. Dazu gehören die Bauform und die 4D-Sensorik. Reveal ist deshalb weniger ein kompletter Neustart als eine Weiterentwicklung der Signalverarbeitung.

Ob ein gut angepasstes Intent deshalb gegen Reveal ausgetauscht werden sollte, lässt sich aus den bislang vorgestellten Daten nicht pauschal beantworten.

Meine Einschätzung:
Wer mit seinem Oticon Intent sehr gut zurechtkommt, braucht nicht automatisch neue Hörgeräte, nur weil Reveal erscheint. Interessanter wird der Vergleich bei einer ohnehin anstehenden Neuversorgung.

Wer Intent genauer kennenlernen möchte, findet die bisherige Generation in meinem ausführlichen Artikel Oticon Intent im Test: Was das Premium-Hörgerät wirklich kann.

Für wen könnte Oticon Reveal besonders interessant sein?

Aus audiologischer Sicht finde ich Reveal vor allem für Menschen interessant, die nicht nur in Ruhe besser verstehen möchten, sondern häufig in komplexen Hörsituationen unterwegs sind.

Restaurant, Familienfeier, Besprechung, Veranstaltungen, Straßenverkehr oder Gespräche in Gruppen sind genau die Situationen, in denen Sprache und Umgebung gleichzeitig eine Rolle spielen.

Interessant könnte Reveal außerdem für Hörgeräteträger sein, die eine sehr aggressive Störgeräuschunterdrückung als unnatürlich empfinden.

Das bedeutet allerdings nicht, dass möglichst viele hörbare Geräusche automatisch gut sind.

Gerade Menschen, die längere Zeit mit einem unbehandelten Hörverlust gelebt haben, können eine plötzlich wieder sehr detailreiche Klangwelt zunächst als anstrengend empfinden. Warum Sprachverstehen im Lärm und Höranstrengung weit über reine Lautstärke hinausgehen, erklärt auch der Artikel Ich höre gut, aber verstehe schlecht.

Deshalb ist die richtige Anpassstrategie entscheidend.

Warum die beste KI keine gute Hörgeräteanpassung ersetzt

Das ist bei Reveal nicht anders als bei jedem anderen modernen Hörgerät.

Ein technisch hervorragendes Hörgerät kann schlecht angepasst sein. Und ein etwas weniger spektakuläres Hörgerät kann bei guter Anpassung hervorragend funktionieren.

Entscheidend ist deshalb, ob die Verstärkung zum individuellen Hörverlust passt, ob sie am Ohr überprüft wurde und ob die Signalverarbeitung zu den tatsächlichen Hörsituationen des Menschen passt.

Eine der wichtigsten objektiven Kontrollen ist dabei das Real Ear Measurement (REM). Dabei wird mit einer dünnen Messsonde direkt im Gehörgang überprüft, welche Verstärkung tatsächlich am Trommelfell ankommt.

Auch moderne KI kann diese Messung nicht ersetzen. Die Signalverarbeitung kann nur mit dem arbeiten, was durch die grundsätzliche Anpassung überhaupt hörbar gemacht wurde.

Wer sich generell dafür interessiert, welche Hörgerätetechnik im Alltag tatsächlich einen Unterschied macht, findet dazu eine ausführliche Erklärung im Artikel Hörgeräte-Technik erklärt: Was wirklich hilft.

Fazit: Was ist an Oticon Reveal wirklich neu?

Reveal ist aus meiner Sicht vor allem deshalb interessant, weil Oticon versucht, einen echten Zielkonflikt der Hörgerätetechnik anders zu lösen.

Mein vorläufiges Fazit:
Die interessante Neuerung bei Reveal ist nicht, dass nun noch mehr KI in einem Hörgerät steckt. Interessant ist die Aufgabenteilung: Eine KI kümmert sich um Sprache, die andere um den akustischen Kontext. Wenn es Oticon damit tatsächlich gelingt, Sprachverständlichkeit und räumliche Wahrnehmung besser miteinander zu verbinden, ist das audiologisch wesentlich relevanter als das Schlagwort „Dual AI“.

Das Ziel eines guten Hörgerätes ist schließlich nicht, möglichst wenig von der Welt hörbar zu machen. Es sollte möglichst viel von dem zugänglich machen, was unser Gehirn gerade braucht.

Häufige Fragen zu Oticon Reveal

Was bedeutet Dual AI bei Oticon Reveal?

Dual AI bedeutet, dass zwei spezialisierte KI-Systeme parallel arbeiten. Speech AI analysiert Sprache, während Context AI relevante Umgebungsgeräusche und diffusen Hintergrund unterscheiden soll. Anschließend werden beide Signalanteile gemeinsam verarbeitet.

Ist Oticon Reveal besser als Oticon Intent?

Reveal besitzt mit Dual AI eine neue Signalverarbeitung und eine weiterentwickelte Konnektivitätsplattform. Viele Grundlagen von Intent, darunter die 4D-Sensorik und die Bauform, bleiben jedoch erhalten. Ob Reveal im individuellen Alltag tatsächlich besser funktioniert, sollte deshalb im direkten Vergleich geprüft werden.

Lohnt sich der Wechsel von Oticon Intent auf Reveal?

Nicht automatisch. Wer mit einem gut angepassten Intent sehr zufrieden ist, muss allein wegen der neuen Gerätegeneration nicht wechseln. Interessanter ist Reveal bei einer ohnehin anstehenden Neuversorgung oder wenn in komplexen Hörsituationen noch Verbesserungsbedarf besteht.

Welche Bauform gibt es von Oticon Reveal?

Zum Marktstart wird Reveal als wiederaufladbares MiniRITE R angeboten. Das Gehäuse ist weitgehend von Oticon Intent bekannt. Reveal wird in vier Technikstufen und neun Farben angeboten.

Unterstützt Oticon Reveal Auracast?

Ja. Reveal unterstützt unter anderem Bluetooth LE Audio und Auracast. Damit können künftig beispielsweise öffentliche Audiosignale von kompatiblen Veranstaltungsorten oder Einrichtungen direkt auf die Hörgeräte übertragen werden.

Stand: September 2026. Grundlage dieses Artikels sind die zum Marktstart von Oticon vorgestellten technischen Informationen und Forschungsdaten. Herstellerangaben wurden als solche eingeordnet.


Wissenschaftliche Referenzen und Herstellerunterlagen

  • Johnson, E.M., Healy, E.W. (2024). The Optimal Speech-to-Background Ratio for Balancing Speech Recognition With Environmental Sound Recognition. Ear and Hearing, 45(6), 1444–1460. doi: 10.1097/AUD.0000000000001532
  • Zapata-Rodríguez et al. (2026). Oticon Reveal™ – Supporting the brain with an improved neural code. Oticon Research Brief.
  • Brændgaard, M., Wassard, C. (2026). Oticon Reveal AI™ – Technical features. Oticon Tech Paper.
  • Oticon (2026). Produktvorstellung und technische Informationen zu Oticon Reveal, Reveal AI Clarifier, Dual AI und Konnektivität.

Über den Autor

Max Bauer

Maximilian Bauer, MSc. Clinical Audiology
Maximilian Bauer gilt als erfahrener Experte für Hörsystemversorgung, moderne Hörakustik und ethische Beratung im Gesundheitswesen. Er verbindet handwerkliche Präzision mit akademischem Wissen und setzt sich für eine transparente, menschenorientierte Hörversorgung ein.

www.hoergeraete-insider.de


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