Kopf in der Tonne: Warum die eigene Stimme mit Hörgeräten dröhnt

von von Maximilian Bauer, MSc. Clinical Audiology (Kommentare: 0)

Warum dröhnt die eigene Stimme so stark?

Eigene Stimme schlimm mit Hörgerät. Klingt wie in einer Tonne.

 

👨‍⚕️

Maximilian Bauer

Hörakustikmeister, MSc. Clinical Audiology

Haben Sie sich jemals gefragt, warum das erste Aufsetzen moderner High-End-Hörsysteme manchmal enttäuschender ist als erwartet? Man hört die Vögel zwitschern, den Partner klarer verstehen – doch sobald man selbst den Mund aufmacht, passiert es: Die eigene Stimme klingt hohl, dröhnend, fast so, als hätte man den Kopf in eine Regentonne gesteckt.

In der klinischen Audiologie ist dieses Phänomen, der sogenannte Oklusionseffekt, einer der häufigsten Gründe, warum Neukunden ihre Geräte frustriert zur Seite legen. Doch was steckt physikalisch dahinter? Ist es eine reine Gewöhnungssache oder ein handfestes mechanisches Problem?

Einordnung:
Der Oklusionseffekt wird häufig als „Gewöhnungssache“ dargestellt. In der Praxis ist er jedoch in vielen Fällen ein klar messbares akustisches Problem.

Die Physik des Dröhnens: Wenn 20 Dezibel den Unterschied machen

Viele Ratgeber im Netz vertrösten Betroffene mit dem Satz: „Das Gehirn muss sich erst daran gewöhnen.“ Das ist zwar teilweise korrekt, ignoriert aber die physikalische Realität im Gehörgang.

Wenn wir sprechen, wandert der Schall nicht nur aus dem Mund nach draußen, sondern versetzt auch unseren Schädelknochen in Schwingung. Diese Vibrationen übertragen sich direkt auf die knorpeligen Wände des äußeren Gehörgangs.

Die „Vierfach-Lautstärke“

Messungen zeigen: Wird der Gehörgang durch ein Hörgerät oder eine Otoplastik verschlossen, steigt der Schalldruck der eigenen Stimme deutlich an. Besonders bei geschlossenen Vokalen wie /i/ können rund 19 dB Unterschied entstehen.

Warum 19 dB relevant sind:
Eine Erhöhung um 10 dB wird ungefähr als doppelt so laut wahrgenommen. Ein Anstieg um knapp 20 dB bedeutet also eine massive Verstärkung der eigenen Stimme im Ohr.

Anatomische Ursachen: Der Kampf zwischen Knorpel und Knochen

Der Gehörgang besteht im äußeren Bereich aus weichem Knorpel und weiter innen aus festem Knochen.

Beim Sprechen bewegt sich der Unterkiefer und drückt gegen das Gewebe des Gehörgangs. Im offenen Ohr kann der Schall entweichen. Wird der Gehörgang jedoch verschlossen, wird er zwischen Trommelfell und Hörgerät eingeschlossen.

Achtung:
Die entstehenden Pegel können deutlich über dem liegen, was als angenehm empfunden wird. Das erklärt das typische „Dröhnen“ sehr direkt.

Die Lösung: Zwischen Mechanik und Signalverarbeitung

Belüftungsbohrung (Vent)

Die klassische Lösung ist eine Vergrößerung der Belüftung in der Otoplastik.

  • Vorteil: Druck kann entweichen
  • Nachteil: Verstärkung geht verloren und Rückkopplung wird wahrscheinlicher

Own Voice Processing (OVP)

Einige moderne Hörgeräte erkennen die eigene Stimme und reduzieren gezielt die Verstärkung in diesen Momenten.

Praxis:
Digitale Systeme können den Effekt deutlich reduzieren, ersetzen aber nicht immer eine gute mechanische Lösung.

Warum „tiefer“ oft „freier“ bedeutet

Ein tiefer Sitz hinter dem zweiten Knick des Gehörgangs kann den Oklusionseffekt deutlich reduzieren.

Der Grund: Der bewegliche knorpelige Anteil liegt dann außerhalb der Abdichtung. Die entstehenden Schwingungen werden gar nicht erst eingeschlossen.

Praxis-Check:
  • Wurde eine REM-Messung im Ohr durchgeführt um Vokale zu kontrollieren?
  • Wurde ggf. eine OVP-Technik getestet?
  • Passt die Bauform zur Anatomie (Otoplastik tief genug)?

Grenzen und Individualität

Nicht jeder erlebt den Oklusionseffekt gleich stark. Anatomie, Hörverlust und Verarbeitung spielen eine Rolle.

Deshalb gibt es keine universelle Lösung. Entscheidend ist immer die individuelle Anpassung.

Fazit

Der Eindruck „Kopf in der Tonne“ ist kein Einzelfall und kein Zeichen von Überempfindlichkeit. Er ist in vielen Fällen eine direkte Folge physikalischer Prozesse im Gehörgang.

Mit einer sauberen Anpassung, der richtigen Bauform und moderner Technik lässt sich dieser Effekt jedoch deutlich reduzieren.

Weiterführend:
In-dem-Ohr-Hörgeräte verstehen
Wichtige Features bei Hörgeräten

Stand: 2026, geprüft nach aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen.

Wissenschaftliche Referenzen

Denk, F. et al. (2022):
Occlusion and coupling effects with different earmold designs.
International Journal of Audiology, 62, 227–237.
https://doi.org/10.1080/14992027.2022.2039966

Mackenzie, D. et al. (2004):
The hearing aid occlusion effect: Measurement devices compared.
The Hearing Journal, 57.
https://doi.org/10.1097/01.HJ.0000292842.18944.cb

Mejia, J. et al. (2008):
Active cancellation of occlusion: an electronic vent.
Journal of the Acoustical Society of America, 124(1), 235–240.
https://doi.org/10.1121/1.2908279

Meymaneh, J. et al. (2010):
Comparison of occlusion effect in normal hearing individuals and those with SNHL.
Audiology – Tehran University of Medical Sciences, 19, 1–8.

Mueller, H. G. et al. (1996):
Studies of the Hearing Aid Occlusion Effect.
Seminars in Hearing, 17, 21–31.
https://doi.org/10.1055/s-0028-1089925

Sunohara, M. et al. (2015):
Occlusion reduction system for hearing aids.
23rd European Signal Processing Conference (EUSIPCO).
https://doi.org/10.1109/EUSIPCO.2015.7362390

Winkler, A. et al. (2016):
Open versus closed hearing-aid fittings: A literature review.
Trends in Hearing, 20.
https://doi.org/10.1177/2331216516631741


Über den Autor

Max Bauer

Maximilian Bauer, MSc. Clinical Audiology
Maximilian Bauer gilt als erfahrener Experte für Hörsystemversorgung, moderne Hörakustik und ethische Beratung im Gesundheitswesen. Er verbindet handwerkliche Präzision mit akademischem Wissen und setzt sich für eine transparente, menschenorientierte Hörversorgung ein.

www.hoergeraete-insider.de


Kommentare

Einen Kommentar schreiben

Bitte rechnen Sie 3 plus 4.

Zurück

Newsletter

Mit einer Anmeldung für unseren kostenfreien Newsletter erhalten Sie regelmäßig aktuelle Informationen rund um unser Unternehmen. Zudem erhalten Sie kostenfrei den Downloadlink zur begehrten Hörakustiker-Checkliste.