Ob Männer und Frauen unterschiedlich hören, ist eine Frage, die immer wieder gestellt wird, nicht nur im Alltag, sondern auch in der Audiologie. Interessant ist, dass diese Unterscheidung sogar in einer der weltweit etabliertesten Hörgeräteformeln auftaucht: Die Hörgeräte Anpassformel NAL-NL2 fragt bei der Anpassung explizit nach „männlich“ oder „weiblich“.
Das wirkt so, als hätte die Wissenschaft hier einen relevanten Unterschied bestätigt. Doch was bedeutet diese Einstellung wirklich und was lässt sich daraus sinnvoll ableiten?
Warum diese Frage plausibel erscheint
In der Hörforschung finden sich seit Jahrzehnten kleine, aber reproduzierbare Unterschiede in bestimmten Messparametern. Das macht die Frage grundsätzlich legitim. Entscheidend ist jedoch, ob solche Unterschiede klinisch relevant sind und Konsequenzen für Hörgeräteanpassung oder Rehabilitation haben.
Was NAL-NL2 ist und warum dort „männlich“ oder „weiblich“ steht
NAL-NL2 ist eine Verordnungsformel, also eine Rechenregel, die Zielverstärkungen für Hörgeräte vorschlägt. Sie soll Sprache gut hörbar machen und gleichzeitig die Gesamtlautheit so wählen, dass sie als angenehm empfunden wird.
Sie ist eine empirische Anpassung an durchschnittliche Lautheitspräferenzen. In NAL-Daten zeigte sich, dass Hörgeräteträgerinnen im Mittel eine etwas geringere Gesamtverstärkung bevorzugen als Hörgeräteträger. Deshalb wird der Startpunkt der Verstärkung bei „weiblich“ leicht reduziert.
Wichtig ist: Diese Einstellung betrifft den Startpunkt der Anpassung. Spätestens in der Feinanpassung zählt das individuelle Empfinden. Viele Frauen fühlen sich mit der „männlichen“ Voreinstellung wohler und umgekehrt. Die Versorgung orientiert sich am Menschen, nicht an der Kategorie.
Biologische Unterschiede: was messbar ist und was daraus nicht folgt
In der Diskussion werden häufig biologische Argumente genannt. Manche davon sind grundsätzlich plausibel. Der Fehler entsteht meist erst bei der Schlussfolgerung.
Ein Beispiel ist das Richtungshören. Die Fähigkeit, Schallquellen räumlich zu orten, nutzt unter anderem Unterschiede in Laufzeit und Pegel zwischen beiden Ohren. Diese Hinweise hängen auch von der Geometrie des Kopfes ab. Daraus wird manchmal gefolgert, ein kleinerer Kopf müsse zu schlechterem Richtungshören führen und deshalb trainiert werden.
So einfach ist es nicht. Die relevante Variable ist die individuelle Kopfgeometrie, nicht das Geschlecht. Innerhalb beider Geschlechter ist die Streuung groß. Ein Unterschied von wenigen Millimetern Kopfumfang entscheidet im Alltag nicht darüber, ob jemand gut lokalisieren kann oder nicht. Das auditorische System passt sich während des Wachstums ständig an. Sonst könnten Menschen nach einem Wachstumsschub plötzlich nicht mehr räumlich hören.
Ein kurzer Realitätscheck: Jugendliche Männer mit kleineren Kopfumfängen als erwachsen Männer gelten nicht als Gruppe mit schlechtem Richtungshören. In vielen Sportarten reagieren sie im Gegenteil sehr präzise auf räumliche akustische Signale. Erfahrung, Aufmerksamkeit und multisensorische Integration spielen hier eine größere Rolle als minimale anatomische Unterschiede.
Ähnlich verhält es sich mit der Cochlea. Manchmal wird behauptet, Frauen hätten grundsätzlich eine kleinere Cochlea und würden deshalb anders hören. Selbst wenn es im Mittel anatomische Unterschiede geben sollte, ist die klinische Relevanz gering. Die Cochlea ist früh im Leben weitgehend ausgewachsen. Hörgeräte werden nicht nach Millimetern Cochlea-Länge eingestellt, sondern nach Hörschwelle, Dynamikbereich, Lautheitsempfinden und Sprachverstehen.
Auch bei otoakustischen Emissionen finden sich in vielen Studien im Mittel stärkere Messwerte bei Frauen. Das ist ein interessanter physiologischer Befund. Er bedeutet jedoch nicht, dass daraus unterschiedliche Hörgeräte oder Trainingsprogramme folgen. Emissionen sind ein Messparameter, aber kein Therapiekonzept.
Mittelwerte in Studien sind keine individuellen Diagnosen. Für die Versorgung zählt immer, wie eine einzelne Person hört und empfindet, nicht zu welcher Gruppe sie statistisch gehört.
Was daraus nicht folgt
Hier entsteht häufig eine Fehlinterpretation: Aus einer kleinen statistischen Korrektur wird ein großes biologisches Narrativ. Das gibt die Datenlage nicht her.
- Die NAL-Option ist kein Beleg für ein grundsätzlich „anderes Gehör“.
- Sie bedeutet nicht, dass Frauen andere Hörgeräte brauchen.
- Sie ist keine Empfehlung für eine grundsätzlich andere Anpassstrategie.
- Sie ist keine Grundlage für geschlechtsspezifisches Hörtraining.
In der Praxis zählt die individuelle Rückmeldung. Lautheit, Sprachklarheit und Hörkomfort werden immer am einzelnen Menschen überprüft.
Und was ist mit Hörtraining
Wenn die Frage lautet, ob Frauen ein anderes Hörtraining benötigen als Männer, ist die aktuelle Studienlage klar: Es gibt keine belastbaren Trainingsstudien, die zeigen, dass das Geschlecht Trainingserfolg oder Lernrate relevant beeinflusst. Die großen Einflussfaktoren sind Hörschwelle, kognitive Ressourcen, Motivation und Alltagssituation.
Fazit
NAL-NL2 unterscheidet zwischen „männlich“ und „weiblich“, weil sich in Daten von Hörgeräteträgern durchschnittliche Unterschiede in Lautheitspräferenzen gezeigt haben. Das ist eine pragmatische Verbesserung des Startpunkts, keine Aussage über grundlegend andere Hörsysteme.
Biologische Unterschiede lassen sich in Studien messen. Für die Versorgung sind sie meist weniger entscheidend als individuelle Faktoren wie Hörprofil, Höranstrengung, Alltagssituationen und persönliche Präferenzen. Gute Hörgeräteanpassung bleibt deshalb immer individualisiert.
Quellen
[Q1] Keidser G et al. (2012). NAL-NL2 empirical adjustments. Trends in Amplification. https://doi.org/10.1177/1084713812468511
[Q2] Wentzel C et al. (2025). Auditory acclimatization in new adult hearing aid users. Journal of Speech, Language, and Hearing Research. https://doi.org/10.1044/2025_JSLHR-24-00856
[Q3] Keidser G et al. (2011). The NAL-NL2 prescription procedure. Audiology Research. https://doi.org/10.4081/audiores.2011.e24

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